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Interview | "Holland ist der Probegarten für Deutschland"

STRATEGIE Vions CEO Ronald Lotgerink ist auf dem Weg, mit der Landwirtschaft neue Konzepte für die Fleischvermarktung zu entwickeln. „Wir brauchen eine enge Kettenproduktion, in der wir regional zusammen mit dem Handel auf die gesellschaftlichen Herausforderungen reagieren und produzieren.“

Ronald Lotgerink, was beschäftigt Sie gerade, wenn Sie an der Zukunftsstrategie von Vion arbeiten?

LOTGERINK: Dass wir nicht mehr viel Zeit haben, um umzusteuern.

Was meinen Sie genau?

LOTGERINK: Die Preise, die wir zurzeit auf dem niederländischen und deutschen Schweinemarkt durch das rasante Exportgeschäft mit China erzielen, überdecken die Notwendigkeit, sich fit zu machen für die Zeit danach. Wenn alles normal läuft, ist der Chinaboom in drei Jahren vorbei. Wenn aber die Afrikanische Schweinepest den Sprung über die Grenze nach Deutschland oder Holland schafft, ist der Markt schon viel früher platt. Wir müssen mit der Landwirtschaft und dem Handel neue Konzepte entwickeln und engere Ketten aufbauen.

Wie wollen Sie die Bauern überzeugen, da mitzumachen?

LOTGERINK: Wenn die Geschäfte gut laufen, ist es nicht leicht, was anderes zu machen. Aber es ist die Zeit, in der man an neuen Ideen und Zukunftsprogrammen arbeiten kann, weil die Erträge stimmen. Wir müssen Stufe für Stufe enge Ketten bauen für veränderte Produkte. Wir brauchen andere Rassen, mehr Nachhaltigkeit, andere Fütterung, andere Gene.

Sie wollen andere Rassen. Warum und welche?

LOTGERINK: Meine Prognose ist, dass die Verbraucher in West- und Nordeuropa 2030 nahezu 30 Prozent weniger Fleisch konsumieren. Wir brauchen also nicht mehr die Menge wie bisher, wir brauchen Qualität. Und dafür ist es wichtig, schon heute kleine positive Ketten aufzubauen, in denen wir genau die Fleischteile bekommen, die gewünscht werden. Mit dem Robusto-Programm gelingt uns das seit zwei Jahren beispielhaft gut. Die Landwirte haben mit Vion für Robusto langfristige Lieferverträge abgeschlossen, wir bekommen genau diese besonderen Qualitäten für Schinken und Bäuche, die wir für unsere Kunden  brauchen. Solche Ergebnisse bekommt man durch Haltung und Fütterung und auch mit der immer gleichen Herkunft der Tiere.

Heißt das, man kann schon in der Mast besondere Ansprüche des Verbrauchers berücksichtigen und auch umsetzen?

LOTGERINK: Ja, das kann man. Wir in Holland sind der Probegarten für solche Konzepte, die wir anschließend in dieser Qualität gern in Deutschland und in ganz Nordeuropa umsetzen möchten. Zusammen mit der Supermarktkette Albert Heijn und 130 Landwirten haben wir eine kleine Kette gebildet, die neben Tierschutz auch den Klimaaspekt in der Fleischproduktion berücksichtigt. Das weisen wir auf den Verpackungen in der Fleischtheke aus.  Der Verbraucher muss dafür natürlich mehr bezahlen – er möchte ja diese Ware haben, die in der Entstehung mehr kostet. Ich möchte diese Qualitätsketten mit unseren Kunden auf der Erzeuger- und Vermarktungsseite etablieren; das ist die Zukunft mit höherem Ertrag bei weniger Volumen. Was wir in Holland machen, in unserem kleinen Land mit 17 Millionen Einwohnern, möchte ich jetzt gern als Vion auch in Deutschland mit einem Handelspartner zunächst regional ausprobieren. Ich bin überzeugt, dass wir sehr schnell Landwirte gewinnen, die in einem solchen Programm dabei sind, weil es zukunftsorientiert den Heimatmarkt bedient.

Sie richten Ihren Fokus aber nicht nur auf die anspruchsvollen Heimatmärkte; der Export wird doch weiterhin eine bedeutende Rolle spielen!

LOTGERINK: Die Heimatmärkte verlangen von uns eine Spezialisierung, wir müssen bessere Produkte anbieten. Insgesamt wird es eine Segmentierung des Marktes geben. Unser Ziel lautet, dass schon in der Kettenproduktion differenziert werden kann, welche Märkte bedient werden. In Asien und Afrika ist der Proteinbedarf auch in den nächsten Jahren sehr hoch, dort wird eher noch mehr Fleisch verlangt. Die Märkte werden wir in der globalen Vermarktung auch weiterhin beliefern.

Proteine lassen sich auf pflanzlicher Basis herstellen. Fürchten Sie als Vion den aktuellen Trend hin zu fleischlosem Ersatz?

LOTGERINK: Nein, überhaupt nicht. Es handelt sich dabei zwar um einen Nischenmarkt, aber die Nische ist so interessant, dass wir da mitmachen. Wir bauen gerade unseren ehemaligen modernen Rinderbetrieb in Leeuwarden zu einer Produktionsstätte für fleischlose Meatprodukte um. Im nächsten halben Jahr starten wir dort unsere Produktion von veganen Schnitzeln, Burgern, Hackfleisch, Würstchen und unpanierten faserigen Geflügelfilets. Und wir legen großen Wert auf Geschmack und Saftigkeit der Produkte, um die Nähe zu realem Fleisch zu haben. Übrigens sind diese Produkte nicht nur für unsere westeuropäischen Heimatmärkte interessant, wir haben den Export nach Amerika oder Asien im Blick. Aktuell haben wir schon vor Aufnahme der Produktion Anfragen aus China.

Woraus bestehen denn Ihre fleischlosen Burger und Schnitzel, woher bekommen Sie die Rohstoffe?

LOTGERINK: Unser Ziel ist, wie im Fleischbereich eine enge regionale Kettenproduktion mit Landwirten aufzubauen. Die pflanzlichen Rohstoffe – Bohnen, Erbsen oder Kartoffeln – wollen wir vor Ort einkaufen. Das ist auch möglich. Die Bauern, die aufgrund der Veränderungen aus der Nutztierhaltung aussteigen, können doch unsere Partner bleiben und in Zukunft die Rohstoffe anbauen, die wir für unsere pflanzlichen Produkte brauchen. So wie wir uns weiterentwickeln und den Anforderungen des Marktes folgen, kann das auch die Landwirtschaft. Ich bin dafür, dass wir in Zukunft Partner bleiben.

Dieses Interview ist in der ProAgrar 46 erschienen. Die vollständige Ausgabe lesen Sie hier