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Interview | „Die richtige Entscheidung"

HALTUNGSKENNZEICHNUNG. Man kann nicht gerade behaupten, dass für Dr. Alexander Hinrichs die Auszeichnung mit Labeln auf Fleischverpackungen etwas Neues wäre. Er kennt sich gut aus in diesem Geschäft, hat für das wohl bekannteste Kennzeichen QS gearbeitet und wechselte dann 2015 zur Initiative Tierwohl (ITW), blieb aber im gleichen Haus. Jetzt steht und spricht er zusätzlich für das neue Kennzeichen „Haltungsform“, das ab April 2019 den Verbrauchern in vier verschiedenen Stufen erklären soll, wie die Tiere gelebt haben und aufgewachsen sind, deren Fleisch sie kaufen. Von einfach (Stall) bis Premium (Bio & more) ist die Herkunft in Zukunft transparent. Das Erstaunliche daran: Diese Initiative ging vom Lebensmitteleinzelhandel aus. Das freut den Qualitätsmanager in Bonn besonders.

Herr Dr. Hinrichs, kennen Sie sich mit den ganzen Labeln, mit denen Sie schon Fleisch gekennzeichnet haben, noch aus?

HINRICHS: Ja! Das ist kein Problem, so viele sind es ja nun auch noch nicht gewesen. Aber Sie haben natürlich recht, mit der Initiative Tierwohl, der neuen Haltungskennzeichnung und dem angekündigten staatlichen Tierwohllabel gibt es für Fleisch eine Vielzahl von Kennzeichnungen. Hinzu kommen noch die einzelnen Programme u. a. mit regionaler Herkunft. Ziel des Handels ist es auf jeden Fall, dem Verbraucher mit der Haltungskennzeichnung klare und transparente Informationen über die Art der Erzeugung der Tiere zu geben, deren Fleisch er isst. Das ist eine Aufgabe, der wir uns stellen und die wir mit der  Haltungskennzeichnung nun lösen.

Wer hatte die Idee zur neuen Haltungskennzeichnung?

HINRICHS: Die Initiative ging von Lidl aus, andere Lebensmittelhändler folgten schnell mit eigenen Kennzeichnungen. Es kam aber rasch zu einer gemeinsamen Initiative des Handels mit einheitlichen Inhalten in den Haltungskriterien und dem Wunsch nach einer einheitlichen Kennzeichnung. Ohne die Zusammenarbeit in der Initiative Tierwohl (ITW) seit 2015 wäre möglicherweise die gemeinsame Kennzeichnung nicht entstanden. Im Mai 2018 hat sich der Handel am Rande eines Treffens mit der Bundeslandwirtschaftsministerin auf dieses Vorgehen verständigt. Da in der ITW schon erfolgreich zusammengearbeitet wurde, war die Basis gelegt. Wir waren dann Koordinator des Prozesses.

Stiftet die Haltungskennzeichnung nicht noch mehr Verwirrung beim Verbraucher?

HINRICHS: Nein, ich denke, das ist die richtige Entscheidung gewesen und es ist der richtige Weg, es so zu machen. Der vierstufige Haltungskompass gibt dem Verbraucher ganz klare Hinweise zur Aufzucht der Tiere. Jeder kann jetzt nach den für ihn wichtigen Kriterien auswählen, so lassen sich viel leichter die Preisstufen der einzelnen Qualitäten von konventionell bis Bio/Premium nachvollziehen. 

Überprüfen Sie von der ITW die Einhaltung der Kriterien in den einzelnen Stufen?

HINRICHS: Nein, das machen die Programmträger selbst. Für die Haltungsform gibt es kein unabhängiges Prüfverfahren und keine Kriterien, nur ein Raster für mehr Transparenz für den Verbraucher. Der Handel muss nachweisen, dass die Ware den Standard aufweist, den das Haltungssiegel verspricht. Wir werden das stichprobenartig prüfen.

Wird denn jedes Fleisch ab April mit dem Haltungskompass ausgezeichnet?

HINRICHS: Wir beginnen mit Geflügel und Schwein. Mehr als 60 Prozent des Geflügels kommen schon aus dem Programm der Initiative Tierwohl und die Hälfte dieses Geflügelfleisches hat sogar einen Nämlichkeitsnachweis. Schweinefleisch der ITW ist in Stufe 2. Aber hier ist das Angebot noch begrenzt. Die Kennzeichnung ist für die Handelsunternehmen freiwillig.

Und was ist mit Rind?

HINRICHS: Für Rindfleisch gibt es auch Kriterien. Wir haben bereits bestehende Ansätze eingepreist. Da ist aber viel Bewegung drin. Wir schauen nach Holland: „Was macht Beter Leven“? Oder auch das „Best Beef“-Programm von McDonalds gibt ja eine Richtung vor. Das Tierschutzlabel des Deutschen Tierschutzbundes, für das ja Vion auch Rindfleisch produziert, ist ein weiterer Schritt beim Rindfleisch, um zu zeigen, wie die Tiere gelebt haben, ebenso natürlich Bio.

Aber für die Stufe 2 gibt es noch kein darüberliegendes Programm wie die ITW bei Schwein und Geflügel. Hier gibt es sicherlich noch Diskussionsbedarf. Es sind bereits Wünsche an uns herangetragen worden, die Kennzeichnung auch auf andere Fleischsorten auszuweiten.

Tierschutzlabel ist das Stichwort. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat gerade ein staatliches Tierschutzlabel vorgestellt. Allein 70 Millionen Euro will sie für PR und Marketing ausgeben, um es bekannt zu machen. Noch ein Label mit bunten Bildchen und Symbolen – gerät die Haltungsform nicht ins Abseits?

HINRICHS: Das denke ich nicht. Fleisch mit dem Tierschutzlabel, das wissen Sie bei Vion selbst als Pionier im Schweinefleischbereich, bleibt immer in einer Nische, wenn die Kriterien deutlich über dem gesetzlichen Standard angesiedelt sind. Ich finde es auch bedauerlich, dass es nicht gelungen ist, beim geplanten staatlichen Tierschutzlabel den Kriterienvorschlag „ITW plus“ zu integrieren. Als alleiniges Label sehe ich trotz aller Werbemillionen keine großen Marktchancen. Wir haben zusammen mit der Hochschule Osnabrück und einem großen Einzelhändler eine Untersuchung mit Testkäufen durchgeführt und dabei sehr ernüchtert festgestellt, dass Tierwohl allein kein Verkaufsförderungssegment ist. Tatsächlich war nur bei 16 Prozent der Verbraucher eine Zahlungsbereitschaft für mehr Tierwohl an der Theke vorhanden – und auch nur dann, wenn der Aufpreis maximal 13 Prozent beträgt. In Umfragen geben allerdings immer rund 80 Prozent der Menschen an, sie würden mehr Geld für mehr Tierwohl bezahlen. Das tun sie aber nicht.

Wie schätzen Sie denn die Preispositionierung bei Fleisch aus dem staatlichen Tierschutzlabel ein?

HINRICHS: Bei einem Aufschlag für den Landwirt von 15 bis 20 Euro pro Tier kommen wir schnell in Preisregionen von 70 Cent pro Kilo für ein Teilstück in der Theke. Ich bin skeptisch, ob der Verbraucher das kauft und der Handel das umsetzt. Entscheidend für eine akzeptable Preispositionierung beim Verbraucher wird sein, ob es wie in Holland beim „Beter Leven“-Programm gelingt, die Fleischverarbeitungsindustrie ins Boot zu bekommen. Die Ökonomie stimmt erst, wenn 70 Prozent aller Teile eines Schweines mit Mehrpreisen verkauft werden können.

Dieses Interview ist der ProAgrar 43 erschienen. Die vollständige Ausgabe lesen Sie hier.