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Interview | „Bei der Entwicklung führend"

LANDWIRTSCHAFT 4.0. Dr. Reinhard Grandke leitet seit 2004 als Hauptgeschäftsführer die Deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG) in Frankfurt. Die Organisation mit über 30.000 Mitgliedern hat es sich seit mehr als 130 Jahren zur Aufgabe gemacht, den technischen Fortschritt zu befördern – auch durch Testzentren für Maschinen und Materialien. Der gebürtige Offenbacher Grandke sieht in der Digitalisierung die Chance, dem Veränderungstempo der Landwirtschaft standzuhalten und wettbewerbsfähig zu bleiben.

Herr Dr. Grandke, derzeit reden alle von der Landwirtschaft 4.0. Was ist damit eigentlich genau gemeint?

Die Kennzeichnung 4.0 als Marketingbegriff hat ursprünglich die Industrie genutzt, um die Digitalisierung der Produktion als ihr Zukunftsprojekt zu beschreiben. Ich möchte feststellen, dass die Landwirtschaft nicht nachzieht, sondern bei der Entwicklung hin zur Automatisierung führend ist. Melkroboter gibt es bei uns schon seit 20 Jahren und autonomes Fahren wurde schon im letzten Jahrtausend mit Traktoren demonstriert. Noch fehlen aber viele gesetzliche, technische und automatisierte Voraussetzungen.

Wie weit sind die Tierhalter?

Die gerade angesprochenen Melkroboter sind inzwischen ja sehr verbreitet. Tierindividuelle Datenerfassung und -auswertung beim Melken und bei der Fütterung sind in vielen Betrieben Standard. Moderne Ställe verfügen auch über Hochfrequenz-Antennen. In Verbindung mit Hals-Respondern, die sämtliche Daten sammeln, kann jede einzelne Kuh geortet werden. Auskünfte über Liegezeiten, Aufstehversuche oder Milchleistung stehen abrufbar zur Verfügung. Auch bei den anderen Nutztierarten ist die Digitalisierung weit vorangeschritten. Verhaltenserkennung, tierindividuelle Behandlung und Fütterung, Klimasteuerung, all das wird bereits in vielen Betrieben umgesetzt.

Kann auf den Gang in den Stall verzichtet werden?

Überhaupt nicht, aber es ermöglicht mehr Flexibilität. Das Selbstverständnis des Landwirts gegenüber dem Tier ist und bleibt die Grundlage einer erfolgreichen Tierhaltung. Tierbeobachtung und -betreuung durch den Landwirt sind zentraler Erfolgsfaktor. Ein umsichtiger Landwirt erkennt mit bloßem Auge, wie es um seine Herde steht. Aber die elektronischen Hilfsmittel ermöglichen eine noch genauere Beobachtung

und Kontrolle und somit schnelle Interventionen im Sinne des Tierwohls. Die Bauern können sich auf andere Aufgaben konzentrieren. Immer mehr werden sie durch Computer dabei unterstützt.

Kann die Digitalisierung der Landwirtschaft auch bei der Bekämpfung des Klimawandels helfen?

Sicher. Nehmen wir das Gülleproblem. Die Digitalisierung schafft die technisch-logistischen Voraussetzungen für die Lösung. Gülle lässt sich grundsätzlich zielgenau – je nach Nährstoffbedarf – direkt in die Böden einbringen. Noch fehlen aber viele gesetzliche und organisatorische Voraussetzungen für wirkungsvolle Maßnahmen.

Die gesellschaftliche Sicht auf die Landwirtschaft hat sich verändert. Transparenz und Nachhaltigkeit scheinen eine immer größere Rolle zu spielen. Welche Folgerungen ziehen Sie daraus?

Auch wenn nicht alles wissenschaftlich fundiert erscheint, setzen die gesellschaftlichen Erwartungen vermehrt den Rahmen für langfristige Strategien. Kunden, Politiker, Handel und Lebensmittelindustrie haben bestimmte Vorstellungen, wie Landwirtschaft aussehen soll. Damit müssen wir umgehen.

Ursprünglich stand die Leistungssteigerung, gefördert über staatliche Leistungsprämien, beim Nutzvieh im Vordergrund. Wohin geht nun die Reise?

Der Weg führt jetzt von der Differenzierung der Produkte zur Differenzierung der Prozesse. Sie werden neu konfiguriert und beschrieben. Dank der Digitalisierung geht alles viel schneller. Schon bald können die Verbraucher wissen, wie lange ein Rind auf der Weide gestanden hat, wie viele Stunden der Transportweg zum Schlachthof dauerte und wie viele Wochen das Fleisch anschließend reifte. Ein weiterer Aspekt ist auch, dass die Partner in der Kette miteinbezogen werden. Krisenreaktionen und Rückverfolgung von reklamierten Produkten werden einfacher, schneller und kostengünstiger.

Sind die Kunden im Laden bereit, für die Erfüllung anspruchsvoller Kriterien mehr Geld zu zahlen?

In Maßen schon. Ich glaube, ausdifferenzierte Produkte können trotz Aufpreis in absehbarer Zeit einen Marktanteil von 20 bis 30 Prozent erreichen. Der Rest bleibt Massenware. Ich erwarte neben einer Vergrößerung des Bioanteils einen erheblichen Zuwachs an Markenprogrammen, die auch von Discountern organisiert werden. Außerdem wird es profilierte konventionelle Angebote geben. Vor allem regionalisierte Produkte genießen besonderes Vertrauen. Das zeigt sich immer sehr deutlich in Zeiten von Lebensmittelskandalen. Ich rechne im Zuge der Digitalisierung mit einer größeren Bedeutung der Erzeugergemeinschaften.

Das alles ist mit erheblichen Investitionen verbunden. Können denn Landwirte das finanzielle Risiko tragen?

Geschlossene Lieferketten werden immer wichtiger. Sie verschaffen Planungssicherheit, zum Beispiel durch längerfristige Abnahmegarantien zu bestimmten Konditionen. Auch in der Landwirtschaft 4.0 stehen aber die individuelle Wettbewerbsfähigkeit und die Kostenführerschaft im Vordergrund. Digitalisierung hält den Strukturwandel in der Landwirtschaft nicht auf, sondern beschleunigt ihn. Die Betriebe werden sich verändern müssen. Die Dokumentationspflichten nehmen weiter zu, die körperliche Arbeit nimmt dafür ab. Landwirte werden zu spezialisierten Unternehmern.

Sind die Landwirte mit ihren bisherigen Organisationstrukturen in Produktion und Vermarktung noch richtig aufgestellt?

Für Einzelkämpfer wird es schwer. Kooperationen entlasten die Betriebe. Aber daraus entstehen auch Forderungen. Mittlerweile sind Supermarktketten und Fleischkonzerne die Motoren für eine nachhaltige tiergerechte Haltungsform. Die Bauern brauchen erhebliche Managementfähigkeiten, um den Ansprüchen der Partner in der Kette und den Auflagen des Gesetzgebers gerecht zu werden.

Die Digitalisierung verlangt also vom Landwirt lebenslanges Lernen?

Auch in anderen Berufen gehört permanente Fortbildung dazu. Jeder Landwirt muss zunächst einmal seine eigenen Computersysteme verstehen und die Algorithmen beherrschen. Ein normaler Milchviehbetrieb operiert oft schon mit mehr als einem halben Dutzend Programmen. Ein Zurück zur guten alten Zeit ist definitiv ausgeschlossen. Doch keine Panik. Die Entwicklung verläuft nicht abrupt, sondern schrittweise.

Dieses Interview ist in der ProAgrar 45 erschienen. Die vollständige Ausgabe lesen Sie hier.